Rundgang durch Prissian / Tisens

„Liebe Leserin, lieber Leser,

Ich heiße Fabio Fameo und bin Commissario in Bozen. Aber ich lebe hier oben. In Tisens. Ist klimatisch besser, als in Bozen. Besonders im Sommer. Da ist es im Talkessel oft unerträglich warm. Hier auf den Bergen weht meist ein frischer Wind. Sie sind neugierig auf meine neue Heimat? Ich soll Sie kurz herumführen und Ihnen Orte zeigen, die mein Krimischreiberling im ersten Band „Rache ist honigsüß“ nicht untergebracht hat? Mach ich! Denn es gibt schon einiges, was sich anzuschauen lohnt, in den kleinen Dörfern. Die meisten Leute laufen daran vorbei. Nicht bloß einfach achtlos. Es ist – glaube ich – mehr so, dass sie alle zu schnell sind. Da sausen sie mit den Rennrädern durchs Dorf, oder mit den Motorrädern. Ist ja klar, dass die da auf das alte Kopfsteinpflaster achten müssen. Aber nur, weil es eine Gefahr darstellt. Für die Zweiräder. Aber das Kopfsteinpflaster ist zunächst gar keine Gefahr. Es ist einfach nur Kopfsteinpflaster. Und es gehört zum Bild des Dorfes! Machen Sie sich das bewusst, wenn Sie langsam durch das Dorf gehen. Ab der Brücke hört der asphaltierte Weg auf! Danach beginnt das Kopfsteinpflaster. Betreten Sie einfach eine andere Welt. Wenn Sie alte Fotos betrachten, die Dorfszenen zeigen, dann sehen sie schlammige oder staubige Wege, wo sich jetzt das Kopfsteinpflaster durch das Dorf „Prissian“ zieht. Wenn Sie das Dorf durchfahren – was höchstens zwei Minuten dauert – dann ist die Straße wieder asphaltiert. Bis zum nächsten Dorf. Also haben sich die Menschen doch etwas dabei gedacht, das Absätze mordende Kopfsteinpflaster zu legen. Wenn Sie langsam gehen, merken sie es. Dann spüren Sie es. Aber Sie müssen sich Zeit nehmen. Am Besten einfach mal stehen bleiben und schauen. Dann kann es passieren. Was?

Sie sammeln dann Eindrücke. Sie begreifen das Ganze. Nicht sofort. Aber wenn Sie öfter stehen bleiben, dann kann das schon passieren. „Prissian“ hat eine interessante Bausubstanz. Die Häuser sind – wie es scheint – kreuz und quer gebaut, die kurze Straße schlängelt sich zwischen ihnen hindurch. Und das Kopfsteinpflaster passt am Besten dazu. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es aussehen würde, wenn die Straße asphaltiert wäre. Das die Menschen in Prissian so scheinbar „kreuz und quer“ gebaut haben, tut dem Auge gut. Der Blick bleibt praktisch überall hängen. Es gibt auch vieles zu beschauen was pittoreske ist. Und das hängt eben nicht nur mit der Bausubstanz zusammen, also den Steinen, dem Lehmputz, den hölzernen offenen Dachstühlen. Das hängt vor allem davon ab, dass es Menschen gibt, die Hand anlegen. Da ist zum Beispiel eine kleine Marienkapelle in der Kurve, kurz bevor sie über die Brücke gehen. Die Autofahrer müssen an dieser Stelle in den Spiegel blicken, der links oben vor der Brücke angebracht ist, durch den man den Gegenverkehr erkennen kann. Denn die Brücke ist nur einspurig zu befahren, so schmal ist sie. Die sehen die kleine Kapelle dann eben nicht.  Und sie sehen auch nicht, dass sie immer, wirklich immer, mit frischen Blumen ausgeschmückt ist. Und das jeden Abend, wirklich jeden Abend Kerzen angezündet sind. Und sie können dann auch nicht wissen, dass sich darum ein Mensch unermüdlich kümmert, den ich hier jetzt nicht benennen will, weil ich ihn nicht gefragt habe, ob es ihm recht ist. Aber ich verrate, dass er früher mal in der freiwilligen Feuerwehr Prissian war. Und die hat in Prissian eine besondere Bedeutung. Die gibt es dort seit mehr als 100 Jahren. Ich bin ja jetzt nicht von hier. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Zusammenschluss mit so einer langen Tradition maßgeblich das Gemeinwesen prägt. Die fühlen sich halt alle für alles verantwortlich. Da geht man nicht einfach in Pension und kümmert sich nur noch um sich und seine Gebrechen. Da bleibt man irgendwie mittendrin und macht halt noch was. Irgendwas für die Gemeinschaft. Das ist nicht mehr überall so. Aber hier findet man es noch. Aber nur, wenn man es wahrnimmt. Nicht, wenn man nur durchfährt. Dann ist man zu schnell.

Also, sie merken schon. Ich bin ein Fan der „Entschleunigung“. Ist so ein Modewort. Finde ich aber ganz passend. Mein Job ist meist hektisch. Da muss ich immer schnell sein. Alle wollen was von mir und das meist gleichzeitig. Der Vicequestore, Kollegen, die Presse - Kennen Sie? Wundert mich nicht. Ist heutzutage so „normal“. Und deshalb wollen wir im Urlaub mal so richtig ausspannen. Nicht wahr? Nur sehe ich viele, "die mal so richtig ausspannen wollen“, wie sie damit beschäftigt sind, möglichst viel „abzuarbeiten“. In der Pension, in der ich einmal gewohnt habe, erlebte ich, wie ein Gast früh morgens auszog, um „möglichst viele Kilometer zu machen“. Der addierte, glaube ich, jeden Höhenmeter, den er geschafft hatte. Nun ja. Jeder nach seiner Fasson. Da lobe ich mir meinen Kumpel Caruso. Der hat die Ruhe weg. Der wartet einfach ab. Und schaut sich die Dinge nur an. Der sagt immer, „alles passiert von alleine, wann es passieren soll. Was soll ich dabei stören?“ Zuerst habe ich gedacht, „was hat der denn für eine Dienstauffassung?“ Aber inzwischen weiß ich, dass er damit sein Lebensprinzip meint. Und das bekommt er mit dem Dienst unter Dach und Fach.

Aber ich komme vom Weg ab. Ich will Ihnen ja „Prissian“ vorstellen. Aber ganz langsam...

 ….und nicht wie es im Reiseführer steht. Die gibt es auch und sind gut recherchiert. Aber ich zeige Ihnen nur das, was ich sehe, das, was in keinem Reiseführer steht, weil so etwas nicht in einen Reiseführer hineingehört.